Retired Soil

Eine Einleitung für den bald erscheinenden Foto-Band meines ehemaligen Mitbewohners René Zieger über den Braunkohleabbau  (hier geht’s zu vielen der Fotos):

Langsam frisst das rot-rostige Schaufelrad den ostdeutschen Boden auf. Stück für Stück. Kein krachendes Geräusch, das hier an der Kante zum Abgrund das gewaltige Schauspiel betont. Nur das stete Quietschen und Summen der Maschine am langen Arm aus Metall. Nacheinander reißen die einzelnen Schaufeln Fetzen vom Boden ab. Ohne Pause. Immer weiterdrehend. Erst die Grasbüschel. Dann die feuchte Erde, voller Leben. Weiter unten: karger Sand. Bis es da ist, freigelegt: das braune Gold. Braunkohle.

An vielen Stellen liegt es hier, unter der Erde Ostdeutschlands, dieses Meisterwerk der Jahrmillionen. Schicht um Schicht deckten sich tote Pflanzen übereinander, verschwanden in der Tiefe, unter der Erde. Verfault. Eingequetscht. Bei Hitze. Irgendwann war da Torf. Dann wurde es wertvoller. Und manchmal kam es zutage. Die Menschen entdeckten bald, welch geballte Energie da zu ihren Füßen lag.

So begann die Braunkohleförderung. Denn Holz reichte nicht mehr, konnte den Hunger auf Energie in der Industrialisierung nicht stillen. Von da an wurde die Kohle in Massen gefördert. Ein neues Zeitalter brach heran. Felder, Wälder verschwanden. Es blieben: tiefe Gruben. Ohne grün. Menschenleer.

Die Schaufelräder der Braunkohlebagger schreiben mit jeder Drehung weiter an der Geschichte Ostdeutschlands. Vor den stählernen Ungetümen liegen Jahrhunderte, vom Menschen mit der Natur gemachte Landschaft: Kirchen, Dörfer, Wiesen. Erinnerungen ganzer Generationen. Doch seit es den Kohleabbau gibt, sind sie immer wieder dem Untergang geweiht. Mit jeder Umdrehung des Schaufelrades stirbt ein Stück dieser Geschichte. Menschen müssen ihre Heimat verlassen. Kirchen werden woanders wieder aufgebaut. Dörfer verschluckt.

Doch, während die Spuren ausgelöscht werden, entspringt in dem Nichts mit weiten Horizonten neues Leben. Es muss ja weiter gehen. Tiere kommen wieder. Pflanzen bringt der Wind. Menschen machen erst einmal einen Ausflug hierher.

Verschwinden, Auslöschen, Neustart. Und in der Mitte ein Schaufelrad. Das ist der Reigen des Braunkohleabbaus in Ostdeutschland. Es gibt immer ein davor und danach. Zeitgleich. Wahrscheinlich auch noch in Jahrzehnten. Es gibt es hier ja fast nichts. Viel Heimat, aber wenig Industrie. Zu wenig Arbeitsplätze.

Man muss hinein in diese Landschaft, will man diese Geschichten vom Gehen und Kommen entdecken, vom Leben also. René Zieger hat das gemacht. Sechs Jahre lang. Immer wieder. Über Jahre. Er wusste: Nur dann, wenn man immer wieder kommt, hört man nicht nur, sieht man nicht nur – sondern erlebt. Man braucht das Vertrauen der Menschen. Das kostet Zeit. Manchmal Geduld. Doch dann erzählt ein Pfarrer von den Jugendlichen, die bald ihr Dorf verlieren sollen. Man spricht mit ihnen, blickt auf ihre Ängste, den Verlust, aber auch auf die Hoffnungen für den Neustart. Eine Jugend, mitbestimmt von einem Bagger, der am Dorfrand nagt. Geschichten, die Fotos voll machen. Menschen eben.

Was bleibt, ist eine Mondlandschaft. Kilometer mal Kilometer groß. Platt gestrichene, ausradierte Weite. Dazwischen immer wieder ein paar Haufen: Elektroschrott. Beton. Stein. Reifen. Ausrangierte Bagger, Kräne, Bauwagen. Und ein paar Arbeiter. Sie räumen den Mond auf für die Natur. Oft kommt sie von allein. Dann dauert es Jahre. Bringt sie der Mensch, geht es schneller. Dann sprießt hier und da saftiges Grün. Kuhlen werden geflutet. Wasserrutschen warten am Ufer. Raver springen in Seen, die noch voller Schwefel sind. Am Horizont Windräder. Gleich daneben pustet das Kraftwerk Wolken wie Watte in den blauen Himmel. Davor eine alte Frau, in die Ferne blickend. Vielleicht ja in Richtung Heimat.

Ein merkwürdiges Durcheinander an Farben. Unnatürlich, eigentlich. Hier, im Braunkohlegebiet, aber irgendwie ganz normal. So malt wohl nur ein Schaufelrad.

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