Making of: Fast ein Scoop

Es ist auch im Journalismus sehr wichtig, der Erste zu sein. Vor den Kollegen einen Skandal enthüllen, gleich zu Beginn den Finger auf etwas Brisantes zeigen. Reporter ärgern sich, wenn sie nur Zweite sind.

Vor ein paar Wochen gelang dem Team von Süddeutscher Zeitung und NDR ein Scoop: Die Kollegen meldeten am späten Freitagvormittag, dass die USA im Verdacht stehen, einen BND-Mitarbeiter als Doppelagent angeworben zu haben. Als ich diese Eilmeldung auf dem Displays meines Handys sah, fluchte ich mitten auf der Friedrichstraße laut: F…

Ich war nämlich nur Zweiter. Und das kam so.

Am Abend zuvor war in Berlin ein Schalter umgelegt worden: In Eile kamen Parlamentarier, Vertreter des Kanzleramtes und die Spitzen der Nachrichtendienste zusammen. In geheimer Sitzung beriet man am Donnerstag erstmals in größerer Runde über die brisanten Vorwürfe. Über Spionage durch Russen oder Chinesen wundert man sich in diesen Reihen schon lange nicht mehr. Nun aber deuteten die Hinweise auf Amerika, den engen Partner.

Es war klar, dass dieser Vorwurf nicht lange unter der Oberfläche bleiben würde. Wenn ein solcher Vorfall im Kontrollgremium landet, kennen bereits Kanzleramt, wichtige Ministerien, Abgeordnete, Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt Details. Der Kreis der Mitwisser ist sehr groß. Journalisten wollen herausbekommen, was da genau los ist.

Ich eilte also am Donnerstagabend durch Berlin, bis in die Nacht. Was ist da passiert? Schon vor der Sitzung war klar, dass es einen Zusammenhang mit einer Pressemitteilung des Generalbundesanwaltes geben musste: Am späten Nachmittag hatte die Behörde ein paar dürre Sätze verschickt. Festnahme eines Deutschen. Verdacht: geheimdienstliche Tätigkeit. Aber eine entscheidende Frage blieb offen: für welches Land?

Mit ernstem Gesicht huschten Teilnehmer der Sitzung des Kontrollgremiums über die Flure des Bundestages. Ein paar Stunden später wusste ich warum. Zwei mit der Sache vertraute Personen bestätigten den Verdacht. Es ging um die USA. Über Umwege erfuhr ich mehr Einzelheiten: Fast 220 Dokumente soll der Verdächtige an die Amerikaner übergeben haben.

Zwei unabhängige, zuverlässige Quellen, ein paar Details. Das reicht eigentlich, um eine Geschichte aufzuschreiben. Das Problem war nur, dass andere deutlich machten: Es gebe noch sehr viele offene Fragen. Bei einer Veröffentlichung könnten die Ermittlungen in Gefahr geraten. Stutzig machte mich vor allem, dass diese Sätze ausgerechnet aus einer Ecke kamen, die sonst nicht mit Kritik an den Sicherheitsbehörden spart. Ich war verunsichert.

Ich beschloss, einen Text zu schreiben. Das machte ich schnell. Ich entschied mich aber auch am frühen Morgen nach Rücksprache in der Redaktion dafür, noch einmal ganz offiziell anzufragen: Gibt es einen nachvollziehbaren Grund, warum dieser Artikel nicht erscheinen sollte? Was konkret würde er gefährden? Mit dieser Versicherungsschleife konnte ich gut leben. Sorgfältigkeit ist wichtig. Journalisten können großen Schaden anrichten.

Wir warteten auf eine Antwort. Ich eilte über die Friedrichsstraße zum Bundestag. Ich wollte noch mehr herausfinden. Und per Handy spricht man über solche Dinge nicht.

Um 11:37 Uhr erreichte mich schließlich die Pressemitteilung des NDR:

“BND-Mitarbeiter soll NSA-Untersuchungsausschuss für USA ausspioniert haben – Bundesanwaltschaft ließ 31-jährigen Deutschen festnehmen

Ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) steht im Verdacht, möglicherweise den NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages im Auftrag eines US-Geheimdienstes ausspioniert zu haben. Die Bundesanwaltschaft hatte den 31-jährigen Deutschen am vergangenen Mittwoch, 2. Juli, wegen des dringenden Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit festnehmen lassen, aber keine Details des Falls mitgeteilt. Am 3. Juli beschäftigten sich im Bundestag das Parlamentarische Kontrollgremium und die Obleute des Untersuchungsausschusses in einer gemeinsamen Sondersitzung mit dem Fall. Das erfuhren NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung aus Regierungskreisen.”

Ich war also nicht Erster. Und mein Text, den ihr auf dem Foto seht, wurde nie veröffentlicht.

Foto(26)

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