Bilder der Bomber

Vor fast genau zwei Jahren gelang einem Islamisten auf dem Bonner Bahnhof beinahe ein mörderischer Anschlag. Bundesregierung und Deutsche Bahn wollten deshalb die Videoüberwachung ausbauen. Passiert ist bisher aber so gut wie nichts.

Darüber berichten Martin Lutz und ich in der aktuellen “Welt am Sonntag”. Online gibt es diesen News-Artikel zu lesen. Wer sich für das Thema aber noch mehr interessiert, kann hier eine längere, aber bereits ein paar Tage alte Version lesen – in der Zeitung war nicht mehr Platz. Viel Spaß!

Bilder der Bomber

Vor zwei Jahren gelang einem Islamisten auf dem Bonner Bahnhof fast ein mörderischer Anschlag. Bundesregierung und Deutsche Bahn wollten daraufhin die Videoüberwachung ausbauen. Doch bisher ist nichts passiert.

Von Manuel Bewarder und Martin Lutz

Ein paar unscharfe Videobilder. Viel mehr Spuren hatte der Mann mit der blauen Tasche nicht hinterlassen. Neun Sekunden, eingefangen bei seinem Gang durchs Fastfood-Restaurant McDonald’s im Bonner Hauptbahnhof. Dann war er auch schon wieder aus dem Blickfeld der Überwachungskameras verschwunden. Nur wenige Minuten später tauchte der Unbekannte mit Bart auf Bahnsteig 1 auf und stellte seine Tasche ab. Der Inhalt: Gaskartusche, Wecker und ein Rohr mit Ammoniumnitrat. Es war eine selbstgebastelte Bombe.

Am 10. Dezember ist es genau zwei Jahre her, dass Dutzende Menschen in der ehemaligen Hauptstadt zerfetzt werden sollten. Deutschland entging nur knapp einem schweren Anschlag. Die Bombe war zwar scharf gestellt, aber der Zünder versagte. Auf der Suche nach dem Verdächtigen tippten die Ermittler monatelang im Dunkeln. Sie hatten dabei kaum mehr Hinweise als die undeutlichen Aufnahmen des Burgerbrutzlers. Auf eigene Bilder konnten sie nicht zurückgreifen. Die Deutsche Bahn AG und die Bundespolizei hatten zwar Kameras am Bonner Bahnhof installiert. Die Bilder wurden allerdings nicht aufgezeichnet. Das Phantom, das mutmaßlich die Bombe deponiert hatte, lief somit unerkannt irgendwo im Land herum.

Die Gefahr eines Terroranschlags ist angesichts des „Islamischen Staats“ so groß wie noch nie. Verkehrsknotenpunkte sind erklärtermaßen ein Hauptziel der Terroristen, weil sie dort viele Menschen treffen können. Bundesregierung, Bundespolizei und Bahn hatten sich vorgenommen, aus dem Versagen in Bonn Konsequenzen ziehen: Doch Recherchen der „Welt am Sonntag“ zeigen, dass ein damals beschlossenes Sonderprogramm zur Videoüberwachung auf Bahnhöfen noch immer nicht umgesetzt ist. Fast kein Cent wurde ausgeben, keine Kamera zusätzlich installiert und keine Haltestelle sicherer gemacht. Die Ankündigung von Schwarz-Rot in der Präambel des Koalitionsvertrages, den Einsatz von Videokameras an Kriminalitätsschwerpunkten wie Bahnhöfen auszubauen, ist bislang ein leeres Versprechen geblieben.

Es scheint, als hätte es die Bonner Bombe nie gegeben.

Eigentlich sollen mit dem Programm mindestens zehn Bahnhöfe schrittweise mit Videotechnik aus- oder aufgerüstet werden. Das steht einer „VS – vertraulich“ gestempelten Liste, die dieser Redaktion vorliegt. Zwischen 2014 und 2019 stellen Bahn und Bundespolizei dafür insgesamt 36 Millionen Euro bereit, also sechs Millionen pro Jahr. Viel ist das nicht: Denn bereits eine einzige Videoanlage kostet oft mehrere Hunderttausend Euro.

Als erstes soll der Berliner Bahnhof Ostkreuz ein paar zusätzliche Kameras erhalten – erst in diesem Dezember geht es damit los. Danach sollen die Hauptbahnhöfe in Bremen und Mannheim mit neuen Anlagen ausgestattet werden. Außerdem soll die Überwachung in Hamburg und Nürnberg modernisiert werden. Später könnten die Bahnhöfe Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln und Stuttgart folgen. Sie wurden ausgewählt, weil sie Kriminalitätsschwerpunkte sind und die Terrorgefahr potenziell hoch ist.

Im Präsidium der Bundespolizei wird die niedrige Millionensumme als „Witz“ bezeichnet. Ein Insider in der Bahnzentrale sagt, dass mit diesem Programm „gerade mal ein paar Löcher in einem großen Flickenteppich geschlossen werden“.

Bisher werden 640, also elf Prozent, der bundesweit 5700 Bahnhöfe und Haltestelle videoüberwacht. Aber nur auf 141 Bahnhöfen werden die Bilder auch aufgezeichnet – das sind gerade einmal 2,5 Prozent. Von einer Totalüberwachung, die Kritiker befürchten, kann keine Rede sein. Aber eben auch nicht davon, dass dem Staat die Sicherheit seiner Bürger näher Herzen liegt als das eigene Portemonnaie.

Zum Start des Video-Programms waren die Versprechen noch hochtrabend: Als der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im Sommer 2013 zusammen mit dem Bahn-Vorstandvorsitzenden Rüdiger Grube die Absichtserklärung zur Videotechnik unterzeichnete, erklärte der CSU-Politiker: „Diese Vereinbarung leistet einen wesentlichen Beitrag, um die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger weiter zu verbessern.“ Und der Bahn-Chef fügte hinzu: „Wir wollen noch mehr in die Sicherheit unserer Reisenden investieren und ihr Sicherheitsgefühl weiter verstärken.“ Um diese Worte mit aussagekräftigen Fotos zu untermauern, ließen sich die beiden in der Polizei-Dienststelle des Berliner Hauptbahnhofes ablichten.

Der Bahnchef und der Minister schauten dabei auf die gleichen drei Monitore, die auch Bundespolizist Marcel Ludwig immer im Blick haben muss. Auf drei Bildschirmen flackern die Ansichten einer Auswahl der rund 500 Videokameras. Live und in Farbe verfolgt der 38-Jährige in der vier mal vier Meter kleinen abgedunkelten Leitstelle, wie Fahrgäste mit ihren Rollkoffern über den Bahnsteig rasen, in Züge drängeln oder ihr Gepäck im Schließfach verstauen. Der Arbeitsplatz von Ludwig ist rund um die Uhr besetzt.

Auf dem Bahnhof am Regierungsviertel mit täglich rund 300.000 Besuchern und Reisenden herrscht eine nahezu perfekte Überwachungswelt. Erst 2006 wurde der Hauptbahnhof eröffnet; die Technik ist fast komplett auf dem neuesten Stand. Nahezu jeden Winkel können die Objektive einsehen. 360-Grad-Kameras kleben an den Decken.

Wenn Ludwig etwas verdächtig verkommt, wählt er umgehend eine der Geräte an und zoomt Details heran. Vor Fußballspielen werden von hier aus die anreisenden Fans beobachtet. Taschendiebe gelangen ins Visier. Und manchmal muss die Bundespolizei mit anschauen, wie Betrunkene hemmungslos auf sich einprügeln. Dann werden die Beamten vor Ort angerufen. Oder Fotos für die Fahndung gesichert.

Manchmal liegt auf dem Berliner Bahnhof eine Tasche herum. Ähnlich wie in Bonn. Dann muss schnell gehandelt werden: Wo ist der Besitzer? Bleibt dieser verschwunden, trifft der Dienstgruppenleiter eine erste Einschätzung: Reingucken oder nicht? Im Notfall eilen Spürhunde und ein Bombenentschärfungstrupp herbei.

In Bonn aber hatte kein Bahnangestellter oder Bundespolizist den Sprengsatz im Blick gehabt. Es waren Jugendliche und ein junger Mann, die am Bahnschalter Alarm schlugen. Dass die Bombe in diesen Minuten nicht schon längst explodiert war, hatte wahrscheinlich viel mit Glück zu tun. Der Sprengsatz war zwar über einen Wecker aktiviert. Doch die Zündung blieb aus.

Die Suche nach dem Phantom dauerte bis ins Frühjahr. Im Februar 2013 bemerkten Ermittler, dass ein Bonner Salafist mit Komplizen eine schwere Straftat planen könnte. Nur ein paar Wochen später stoppte die Polizei den Konvertiten Marco G. und einen weiteren Mann kurz nach Mitternacht im Auto. Die Fahnder gingen davon aus, dass die beiden vorhatten, den Chef der islamfeindlichen Partei Pro NRW zu erschießen.

Erst jetzt konnte die Polizei auch im Fall Bonn den Durchbruch erzielen. Die DNA-Spuren auf den Resten der Bombe passten zur Mutter von Marco G. und zu dessen Sohn. Er hatte das Rohr offenbar als Spielzeug benutzt. Auch die Videobilder belasteten den Islamisten: Bei einer Durchsuchung fanden Polizisten eine ähnliche Jacke wie auf den Aufnahmen aus dem Fastfood-Laden. Eine Verwandte von G. erklärte zudem, dass sie eine solche blaue Tasche gekauft hatte. Im März 2014 erhob der Generalbundesanwalt schließlich Anklage. Die Karlsruher Behörde ist sich sicher: Marco G. wollte ein Blutbad anrichten. Er ist das Phantom.

Ein solcher Anschlag war Jörg Zierckes größte Angst. Seine Amtszeit als Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) war überschattet von der fortwährenden Gefahr eines Attentats durch Islamisten. Vor ein paar Tagen ist der 67-Jährige nach fast elf Jahren in den Ruhestand gegangen. Wenn man mit Ziercke über den internationalen Terrorismus spricht, dann nimmt er das Wort „Glück“ in den Mund.

Anders als die USA, Spanien oder Großbritannien ist Deutschland von einem großen islamistischen Anschlag bislang verschont geblieben. Elf Versuche scheiterten. Zweimal hatte das Ziercke zufolge mit Glück zu tun: 2006 deponierten zwei Islamisten Koffer mit Benzinflaschen und Flüssiggas in Regionalzügen zwischen Köln und Koblenz. Dutzende hätten sterben können. Die Bombe zündete, doch das Gas-Benzin-Gemisch in den Gasflaschen explodierte nicht. Der zweite Glücksfall neben Köln ist für den Kriminalisten Ziercke Bonn.

Als er vor zwei Jahren hörte, dass auf dem Bahnhof ein Sprengkörper gefunden wurde, stellte er sich umgehend auch die eine Frage: Gibt es Videoaufzeichnungen? Die Attentäter von London waren schließlich auch aufgrund von gespeicherten Bildern schnell identifiziert worden. Ähnlich war es bei den Tschetschenen, die ihre Sprengsätze beim Boston-Marathon hochgingen ließen. Im Fall der Kölner Kofferbomber entdeckten BKA-Beamte nach mehreren Wochen schließlich die Verdächtigen auf Videofilmen. Auf einen solchen Erfolg hoffte Ziercke auch in Bonn.

Der ehemalige BKA-Chef weiß, dass Videoüberwachung kein Allheilmittel ist. Eine flächendeckende Aufstellung dürfe niemals das Ziel sein, sagt er. Ziercke hält nichts vom Überwachungsstaat. „Und ich warne auch vor zu hohen Erwartungen“, sagt Ziercke. Allerdings, sagt er, wenn viele Menschen zusammen seien, „beispielsweise an Verkehrsknotenpunkten, aber auch bei großen Veranstaltungen, halte ich eine Videoüberwachung für sinnvoll. Denn dort ist die Gefahr eines Anschlags generell am höchsten.“

Ziercke hofft, dass Deutschland auch weiterhin Glück hat.

Die Pläne der Regierung zur Videoüberwachung kommen derweil nur schleichend voran. In ein paar Wochen ist das erste Jahr des Programms bereits abgelaufen. Noch ist nichts passiert, immer wieder wurden Termine verschoben – auf Anfrage versichert die Bahn nun jedoch, dass noch im Dezember im Bahnhof Ostkreuz das erste Geld investiert werden soll.

Statt etwas zu tun, liefern sich Politik, Bahn und Bundespolizei im Hintergrund heftige Kontroversen. Grob gesagt lautet die Aufgabenverteilung, dass die Bahn die Kameras installiert und die Polizei überwacht. Weil sich die Bahn aber nicht zuständig für die Sicherheit ihrer Fahrgäste fühlt, wehrt sie sich dagegen, große Summen für die Videoüberwachung in die Hand zu nehmen.

„Die Terrorabwehr ist wie die gesamte öffentliche Sicherheit und damit der Schutz seiner Bürger eine der Kernaufgaben des Staates“, sagt Gerd Neubeck, Leiter der Bahn-Konzernsicherheit. „Für die Sicherheit in Zügen und auf Bahnhöfen ist die Bundespolizei verantwortlich.“ Die Bundespolizei wiederum sieht das naturgemäß anders. Intern forderte sie von der Bahn bereits 2013 rund 250 Millionen Euro zu investieren. So könnten wenigstens die größten Bahnhöfe ausreichend aufgerüstet und damit geschützt werden.

Am Ende liegt es in der Hand der Regierung. Die Bahn ist eine 100-prozentige Tochter des Bundes. Die Bundespolizei gehört zum Geschäftsbereich des Innenministeriums. Merkels Kabinett könnte trotz des Spar-Primats der „schwarzen Null“ jederzeit in die Terrorabwehr investieren. Doch bislang wird an der Sicherheit gespart.

Seit September steht Marco G. in Düsseldorf vor Gericht. Der Hochsicherheitstrakt für Terrorprozesse, der bombenfest sein soll, ist so groß wie ein paar Basketballfelder. In diesem Saal wurden bereits die Kölner Kofferbomber und die Islamisten der „Sauerland-Gruppe“ verurteilt.

Es ist der Ort, an dem die Männer zusammenkommen, die Deutschland wegsprengen und das Rechtssystem abschaffen wollen.

Gleich am ersten Tag kam es im Prozess gegen Marco G. zum Eklat. Als der Angeklagte mit Fußfesseln in den Saal geführt wurde, rief er laut: „Allah ist groß!“

Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass weitere Anschlagsversuche folgen werden.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s