Recherche in der Krise

Zehn Gedanken zur Recherche in der Flüchtlingskrise: Zwei kleine Kinder und eine große Flüchtlingskrise haben dazu geführt, dass dieser Text mit ein paar Wochen Verspätung hier steht. Wie es sich gehört, wollte ich eigentlich schon Ende Dezember auf das Jahr in der Redaktion zurückblicken. Hat dann aber doch länger gedauert. Was hat warum geklappt? Und was ich nicht vergessen sollte. Darum soll es gehen. Ein kleiner Werkzeugkasten für das Berichten in der Krise also. Die folgenden zehn Punkte sollen eine Erinnerung an mich sein, was ich 2016 nicht aus den Augen verlieren sollte. Wenn etwas fehlt – bitte kommentiert. Oder schickt eine Mail an manuel.bewarder@welt.de

 

1. Gespräche führen: Fast immer fallen in einem Gespräch interessante Hinweise – manchmal reicht dafür ein Halbsatz. Ein solcher Informationsfetzen kann manchmal durch weitere Gespräche mit anderen Personen verifiziert und erweitert werden. So erfuhr ich im November und Dezember, wie die Bundespolizei im Bundestag hinter geschlossenen Türen ihren Plan vorstellte, wie man die Grenze nach Österreich dichtmachen könnte. Der Text stand schließlich in der “Welt”.

 

http://www.welt.de/politik/deutschland/article149946377/So-wuerde-Deutschland-seine-Grenze-dichtmachen.html

 

2. Konflikte suchen: Eine gute Geschichte fußt fast immer auf einem Konflikt. Das ist nicht nur im Theater und Kino so, sondern auch im Journalismus. Die handelnden Personen oder Institutionen wollen sich durchsetzen und sind deshalb oft zum Handeln gezwungen. Hier lohnt sich die Recherche auf beiden Seiten. In der Flüchtlingskrise gab und gibt es viele Konflikte zwischen Bund und den Ländern sowie den Kommunen, die für die Unterbringung von Asylsuchenden zuständig sind.

 

Im Frühjahr erfuhr ich bei einem Hintergrundgespräch, dass ein paar Länder von deutlich mehr Flüchtlingen im Jahr 2015 ausgehen als die Bundesregierung. Auch wenn mehrere dieser Bundesländer zunächst dementierten – am Ende der Recherche stand unser Aufmacher der “Welt am Sonntag”, dass die Bundesregierung bereits früh vor einer Flüchtlingswelle gewarnt wurde.

 

http://www.welt.de/politik/deutschland/article138655241/Laender-rechnen-mit-bis-zu-500-000-Asylbewerbern.html

 

3. Krisen durchhalten: Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Anzeichen daür, dass uns die Flüchtlingspolitik in Europa um die Ohren fliegen wird. Die grundlegende Dublin-Verordnung funktionierte offensichtlich schon seit Jahren nicht.

 

Vielen war klar, dass es nur gut gehen wird, wenn die Flüchtlingszahlen nicht rapide ansteigen. Weil sich die Zuwanderung in den vergangenen Jahren aber jeweils verdoppelte und im vergangenen Jahr schließlich explodierte, geht es in Europa drunter und drüber. Ähnlich war es in der Finanzkrise: ein riesiges und komplexes Thema. Und alle Experten wussten, dass der große Knall wohl unausweichlich ist.

 

Spätestens seit der Öffnung der Grenze im September 2015 profitiere ich davon, dass ich mich seit zwei Jahren mit der Flüchtlingspolitik beschäftige. Ich hatte mit mehreren wichtigen Protagonisten gesprochen und eine lange Zeit unbedeutend wirkende Behörde wie das BAMF besucht. Dadurch musste ich im September keinen Schalter umlegen, sondern konnte meine Berichterstattung einfach nur fortsetzen. Ein weiterer Vorteil: das große Archiv.

 

http://www.welt.de/politik/deutschland/article130103230/Zahl-der-illegalen-Einreisen-schnellt-nach-oben.html

 

4. Sammeln und ordnen: Auch wenn es überhaupt keinen Spaß macht: In meinen drei Jahren im Politikressort habe ich gelernt, wie wichtig das gute Archivieren des gesammelten Materials ist. Ich schreibe meine Notizbücher voll und fertige anschließend ein Inhaltsverzeichnis mit Stichwörtern auf der ersten Seite an. E-Mails lasse ich in Aktenordner fallen. Dokumente wie zum Beispiel interne Schreiben aus Behörden sowie Agenturberichte mit Hintergrundinformationen hefte ich einem großen Ordner ab.

 

Für die Flüchtlingskrise habe ich Anfang 2014 einen solchen Ordner angelegt. Dadurch war es relativ einfach, als wir uns im Herbst 2015 dafür entschieden haben, ein Titelthema mit dem Protokoll der Krise in unserer Sonntagszeitung zu veröffentlichen. Es gab mehrere Informationen, die früher zu unbedeutend für ein Veröffentlichung erschienen, nun aber wichtige Details waren, um die Entstehung dieser Krise nachzuvollziehen.

 

http://www.welt.de/politik/deutschland/article148588383/Herbst-der-Kanzlerin-Geschichte-eines-Staatsversagens.html

 

5. Follow the money: Auch die Flüchtlingskrise ist eine große Geschichte darüber, wer wie viel Geld zahlt. Und wer hier verdient. Hersteller von Wohncontainern machen das Geschäft ihres Lebens. Die Türkei verlangt Milliarden von der Europäischen Union, die Bundesländer alle paar Monate mehr von der Bundesregierung. Und am Ende beschweren sich die Kommunen, dass manche Bundesländer (der Bund darf Geld nicht direkt weiterreichen) nur einen Teil ihrer Kosten übernimmt.

 

Die Frage, wie viele Flüchtlinge sich Deutschland leisten kann, ohne in anderen Bereichen drastisch zu sparen, ist zu einer entscheidenden für den Rückhalt in der Bevölkerung geworden. Noch im Sommer 2015 wollten manche Politiker nur im Hintergrund über die hohen Kosten reden. Es war wie so lange beim Aspekt Flüchtlinge – einem Thema, mit dem man kaum bei den Wählern punkten kann, geht man lieber aus dem Weg. Anfang August fragte ich in mehreren Städten nach und schrieb über die Kosten der Krise und Länder, die wenig Verantwortung übernehmen.

 

http://www.welt.de/politik/deutschland/article144782108/So-hoch-sind-die-Asyl-Kosten-in-deutschen-Staedten.html

 

6. Das Büro verlassen: Ok, vor allem telefoniere ich oder schreibe E-Mails, wenn ich mich über Themen austausche. Ein paar Mal die Woche setze ich mich auch aufs Fahrrad und treffe im Bundestag, in einem Cafè oder sonstwo jemanden, der mir hoffentlich Interessantes erzählt. Zu selten aber fahre ich als Politikberichterstatter durch die Republik und gehe dahin, wo die Geschichten tatsächlich spielen (zeitlich geht es leider nicht anders). Ich bewundere daher umso mehr, wie Kollegen aus Syrien, der Türkei, aus Griechenland und vom Balkan berichten.

 

Mir haben aber auch meine Eindrücke und Gespräche zum Beispiel in Flüchtlingslagern oder entlang der Grenze zu Österreich mit Polizisten und Flüchtlingen sehr geholfen. Sie sind unter anderem die Grundlage für Reportagen, die den Leser mit an die Orte der Krise nehmen.

 

Die Entstehung solcher Texte ist meist übrigens alles andere als romantisch. Mir passiert es jedenfalls allzu oft, dass ich erst am Flughafen den Computer aufklappe und mit dem Schreiben beginne. An Bord geht’s dann weiter, ebenso im TXL-Bus bis zum Hauptbahnhof und dann in der S-Bahn. Irgendwie wird es am Ende immer knapp.

 

http://www.welt.de/politik/deutschland/article151692604/Wie-Bayern-um-die-Kontrolle-seiner-Grenzen-ringt.html

 

7. Archive und Daten: Für unser Dossier zur Flüchtlingskrise in der “Welt am Sonntag” haben wir überlegt, wie wir einen Zeitpunkt ausfindig können, an dem der Staat die Kontrolle sehenden Auges verlor – und nicht gegensteuerte. In einer der vielen hilfreichen Anfragen von Parlamentariern des Bundestages fanden wir eine monatliche Auflistung der Zuwanderer.

 

Mein Kollege pflegte sie in Microsoft Exzcel ein und in der Darstellung wurde offensichtlich, dass das BAMF bei der Bearbeitung der Asylanträge ab Mitte 2014 nicht mehr hinterherkam. Der Stau wurde immer größer – doch die Politik brauchte noch viele Monate, bis sie sich entschloss Tausende Stellen bei der Nürnberger Behörde zu schaffen. Das ist eine Lehre für die nächste Flüchtlingswelle, die sicherlich irgendwann kommen wird: Wir sollten die Anzeichen wahrnehmen. Und darauf reagieren. Die kurzfristigen Kosten werden sicherlich niedriger als die langfristigen sein.

 

8. Informationsfreiheit nutzen: Ich habe bereits geschrieben, dass aus unserer Sicht das BAMF eine zentrale Rolle in der Flüchtlingskrise spielt. Es war zum Beispiel die Nürnberger Behörde, die im August anwies, dass die Dublin-Verordnung für Syrer ausgesetzt ist und von Abschiebungen in andere EU-Länder abgesehen werden soll. Das entsprechende Dokument steht mittlerweile im Internet auf der Seite von „fragdenstaat“. Es wurde per Informationsfreiheitsgesetz gehoben.

 

Von diesem Instrument, das jeder Bürger benutzen kann, haben auch wir Gebrauch gemacht. Wir wollten schauen, wie die offizielle Kommunikation zwischen BAMF und dem verantwortlichen Bundesinnenministerium abgelaufen ist. Gab es vielleicht die Anweisung von oben, die Flüchtlingsprognose niedrig zu halten? Die Antwort haben wir in unser Dossier eingebaut und in einem Blogeintrag erläutert.

 

Was man nach diesem Jahr sagen kann: Das BAMF kommt vielleicht nicht mit der Bearbeitung der Asylanträge hinterher. IFG-Anträge werden hingegen sehr schnell beantwortet.

 

http://investigativ.welt.de/2015/11/08/fluechtlingskrise-das-ignorierte-fruehwarnsystem/

 

9. Demut üben: Immer wieder höre ich, was in der Flüchtlingskrise als nächstes passieren muss – und dann wäre alles wieder gut. Manche fordern, alle Flüchtlinge nach Europa zu lassen. Andere wollen umgehend die deutsche Grenze dichtmachen. Aber ist beides nachhaltig? Vielleicht hat sogar eine der beiden Seiten Recht. Auch nach zwei Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftige, sehe ich allerdings keine einfache Lösung. Vor allem aber bin ich vorsichtig, wenn ein Politiker oder Kommentator meint, in dieser Mega-Krise den Ausweg gefunden zu haben – und vor Kurzem noch mit ähnlichem Selbstbewusstsein den Klimawandel und die Finanzkrise gestoppt hat. Ich habe das Gefühl, solch ein Auftreten wird dem Schicksal der vielen Kriegsflüchtlingen nicht gerecht.

 

10. Durchatmen und Musik hören: Wird schon alles.

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